Alle, alle werden verstehen.

Kürzlich war der bereits 80-jährige Theologie Eugen Drewermann bei «Sternstunde Religion» von SRF zu Gast. Ein wunderbares Interview ist dabei entstanden.

Ohne ein äh und öh hat er eine ganze Stunde referiert (die Fragen der Gesprächspartnerin wirkten bald eher als lästige Unterbrechung), dass dem halb so alten Zuhörer die Ohren flatterten.



Spätestens als er mit diversen auswendig zitierten Passagen von Dostojewski aufgewartet, daraus das Evangelium ausgelegt hat in einer Wucht, dass ihm selbst und mir die Tränen kamen, da wusste ich: Drewermann musst du endlich lesen! Wie konnte ich nur bisher nicht!

"Wenn er kommen wird, sie alle zu richten, wird er sagen zu den Guten und den Ordentlichen: ‚Kommt in die Hallen, die ich euch bereitet habe‘. Und dann wird er sagen: ‚Jetzt kommt auch ihr: Mörder, Säufer, Bettler, Huren, kommt her auch ihr‘. Und die Ordentlichen und die Anständigen werden sagen: ‚Aber Herr, warum denn berufst du auch diese? Ihr Antlitz ist fies‘. Und er wird sagen: ‚Deshalb ihr Anständigen, berufe ich gerade diese: Weil kein einziger von denen je hat glauben können, dass er dessen würdig ist‘. Dann werden alle alles verstehen. Dann werden alle, alle verstehen. Dein Reich Herr komme!“ Ich habe viel gelesen in der Weltliteratur. Ich kenne keine Stelle, die die Botschaft Jesu so verdichtet."

Drewermann 28:45, Hier zitiert er aus Dostojevski Schuld und Sühne


Zuhause angekommen hab ich mir aus der Fülle seiner Veröffentlichungen zwei herausgepickt. («Wir glauben weil wir lieben», «Wozu Religion? Sinnfindung in Zeiten der Gier nach Macht und Geld»). Und bereits beim Klappentext des einen Buches konnte ich nicht mehr weiter lesen, weil das erst mal zu verdauen war:

"An Gott zu glauben, bedeutet nicht, die Welt zu erklären und ihre Mechanismen technisch, ökonomisch und politisch möglichst effizient zu nutzen; es bedeutet, die Welt der Grausamkeit zu widerlegen durch die Liebe und uns selbst zuallererst in unserer Geschöpflichkeit zu akzeptieren."

Eugen Drewermann, Wir glauben, weil wir lieben


Die Grausamkeit durch Liebe widerlegen und unsere Geschöpflichkeit akzeptieren. Was fasst besser das Anliegen der Weisheitstradition christlicher Kontemplation zusammen? Davon haben wir doch eben erst bei einem unserer netz-kloster Treffen gelesen:

"Unser Handeln richtet sich gegen das Schädliche, das auf dieser Welt passiert. Die Kontemplation richtet sich gegen das Schädliche in uns selbst."

Phileena Heuertz, In der Tiefe der Stille


Das ist der Flow, wenn die Fäden zusammenfinden und sich vom Netz zum Gewebe verdichten.

Markenzeichen von Drewermanns Wirken ist die aktuell viel diskutierte interdisziplinäre Arbeit von Kirche und Theologie, um das Evangelium in je neuem Kontext als relevant aufzuweisen. Drewermann verbindet Theologie, Philosophie (nichts neues) und Psychologie. So verkleinert er den Graben zwischen den alten Glaubenstexten und der Gegenwart und lässt diese neu sprechen.

Seine Aussagen sind deutlich. Ein Mann, der in Freiheit spricht, weil er keine Verlustängste kennt. Einer der sagen kann:

«Das was sich heute Kirche nennt oder als Christenheit versteht, kann eigentlich nur noch als Travestie oder Farce auf das ursprünglich Gemeinte gesehen werden.»

Eugen Drewermann, Wir glauben, weil wir leben


Ich wusste es. Aber es wurde mir mit der Erfahrung bei Drewermann einmal mehr bewusst: Wir sind umgeben von einer Wolke von Zeugen. Wir stehen auf der Schulter von Riesen, wir hören mit Zeitzeugen der Gegenwart auf die Stimmen der Vergangenheit und werden dabei transformiert. Darum bin ich mit der Theologie noch lange nicht fertig, sie muss mich noch eine Weile aushalten. Weil es so viel Tiefgehendes zu entdecken gibt und immer neue Zusammenhänge deutlich werden.

Ich kann es nur empfehlen: Sich in regelmässigen Abständen mit einem Theologen / einer Theologin zu befassen und wirklich zu verstehen wollen, also in einen inneren Dialog einzutreten. Hilfreich ist für mich meist folgendes Vorgehen:

  • Zuerst lese ich eine Biographie / Autobiographie. Daraus lässt sich der Kontext verstehen und das Anliegen wird deutlich (ja, auch Bultmann hatte ein gutes! Barth natürlich sowieso. :)).

  • Danach folgt das Studium einschlägiger Texte, die sich vor dem Hintergrund der Biographie verorten lassen.

Bei Drewermann wird dann deutlich, weshalb er trotz Entzug der Lehrerlaubnis durch die röm.-kath. Kirche und seinem Austritt aus der Kirche an seinem 65. Geburtstag («mein persönliches Geschenk der Freiheit») nach wie vor die Liebe und das inklusive Wesen von Jesus Christus betont.

(Dieser Text erschien zuerst auf sola-gratia.ch, dem Blog von Kursleiter Dave Jäggi).